Quelle: Zeitungsartikel aus den Tips, Ausgabe 10/2022
Hier das gesamte Interview
Zu welchen Themen beraten Sie die Menschen?
Die Menschen kommen mit den unterschiedlichsten Lebensthemen in meine Praxis. Hauptsächlich berate ich Menschen, die in ihrem Leben stark überlastet sind und sich Anzeichen von Burnout zeigen. Viele von ihnen sind kurz davor, ihre Arbeit oder ihre Beziehung aufzugeben, weil sie einfach nicht mehr können.
Was war Ihr Beweggrund für den Schritt in die Selbständigkeit?
Das Interesse für Psychosoziale Arbeit ist in meiner beruflichen Biografie zu finden. Ich war bereits in jungen Jahren als Familienhelferin mit vielen verschiedenen Lebensrealitäten konfrontiert und konnte mir aus den unzähligen Begegnungen mit Menschen sehr viel mitnehmen. Schon damals hatte ich den vitalen Wunsch, diese umfassende Ausbildung zu machen, und eine eigene Beratungspraxis zu gründen.
Nach dem Diplom haben Sie sich weiter auf Burnout Prävention und Stressmanagement spezialisiert. Warum gerade das?
Der Alltag und die Arbeitswelt sind für viele Menschen immer weniger planbar. Hohe Komplexität, ständige Erreichbarkeit und tägliche Katastrophenmeldungen beeinflussen das subjektive Empfinden vieler Menschen. Die rasante Geschwindigkeit und das Überangebot an Informationen versetzt sie in Unruhe.
Dieses Phänomen wird unter dem Begriff VUCA-WELT diskutiert. Volatilität/ Unbeständigkeit, Unsicherheit, Complexity/Komplexität, und Ambiquität/ Mehrdeutigkeit.
Dem gegenüber steht die SSEE Welt. Dieses Synonym steht für Stabilität, Sicherheit, Einfachheit, und Eindeutigkeit.
VUCCA-Welt und SSEE-Welt stellen zwei Extreme dar, die in der realen Welt aber nie in ihrer Ausschließlichkeit, sondern in ihrer Gleichzeitigkeit vorkommen. Der Mensch steht ständig im Spannungsfeld zwischen Agilität und Stabilität. Die Kunst besteht darin, sich dieser beiden Pole bewusst zu machen, die stabilisierenden Faktoren zu kennen und in den Alltag einzubauen.
Was würden Sie Menschen raten, die sich über einen längeren Zeitraum überlastet fühlen?
Ich würde ihnen raten, nicht zu lange zu warten, nichts hinzuschmeißen, was sie sich mühsam erarbeitet haben, sondern sich professionelle Hilfe zu holen. Oft reicht es schon, an kleinen Stellschrauben zu drehen, damit sich ihre Situation entschärft.
Wie erkennt man ein Burnout?
Nach Herbert Freudenberger verläuft ein Burnout Syndrom in einem 12-stufigen Prozess.
Es beginnt mit der ersten Stufe, dem Zwang sich zu beweisen, geht weiter über innere Leere, Rückzug bis hin zu völliger Erschöpfung. Je weiter der Prozess fortgeschritten ist desto länger dauert der Genesungsweg.
Was hilft Ihren Klienten erfahrungsgemäß am meisten?
Für meine Klienten sind die Durchschaubarkeit und das Benennen ihrer Situation enorm wichtig. Bereits beim Sortieren der Themen verringert sich der Druck.
Dann stellen wir uns die Frage nach der Handhabbarkeit, nach möglichen Stressbewältigungskompetenzen und vorhandenen Ressourcen. In dieser Phase nähern wir uns schon der Rolle des Gestalters im Leben.
Zum Schluss kommen wir auf die Sinnhaftigkeit zu sprechen, das heißt auf die Frage nach der Entwicklungschance.
Das ist dann der Zeitpunkt, wo Menschen erkennen, dass die Krise den notwendigen Wendepunkt zu einer neuen Lebensqualität erreicht hat.
Was beobachten Sie seitens der Arbeitgeber zum Thema Burnout?
Erfreulicherweise kann ich feststellen, dass viele Arbeitgeber bei Ihren Mitarbeitern den Druck herausnehmen, und Verständnis für ihre Lage zeigen. Mittlerweile tragen auch manche Unternehmen die Kosten für meine Beratungsarbeit und können durch diese Burnout-Präventionsmaßnahmen wertvolle Ressourcen im Betrieb halten.
Erzählen Sie noch kurz über die Elternberatung nach § 95, worum geht es dabei?
Der Gesetzgeber hat im Jahr 2013 beschlossen, dass Eltern bei einvernehmlicher Scheidung eine verpflichtende Beratung nach §95 aufsuchen müssen. Im Schmerz der Trennungsphase passiert es sehr schnell, dass die Sorgen der Kinder übersehen werden. In dieser Beratung geht es ausschließlich um das Wohl der Kinder. Manchmal ist dieser Termin nach langer Zeit der erste Dialog zwischen den Eltern. Dieses Coaching hilft ihnen, mit der der Situation konstruktiv umzugehen und sinnvolle Vereinbarungen im Interesse der Kinder zu treffen.
Wann würden Sie Ihr Engagement als lohnend empfinden?
Mein Ziel ist es, dass meine Klienten wieder in ihren positiven „Flow“ kommen und das Vertrauen in die eigene Kraft finden, ganz nach dem Schriftsteller Albert Camus: „Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt!“